Ulrich Hoeneß

* 5. Januar 1952 in Ulm

Topmanager mit sozialem Gewissen

Gegensätze ziehen ihn an. Er lebt sie sogar aus. Gern. Überzeugend. Authentisch. Uli Hoeneß verkörpert das Prinzip des Sowohl-als-auch, ohne wie ein wandelnder Kompromiss oder gar unentschlossen zu wirken. Er ist zu einer Ikone des FC Bayern München und des deutschen Sports geworden, weil er nie eindimensional denkt oder handelt und sowieso bei allem, was er tut, zuerst die Menschen, mit denen er zu tun hat, dann seinen Verein, den er mitgeprägt hat, und erst am Ende auch sich selbst vor Augen hat. Der langjährige Manager des deutschen Fußball-Rekordmeisters, der nach mehr als dreißig Jahren auf der Bank und im Tagesgeschäft des größten deutschen Klubs den „Kaiser“, also Franz Beckenbauer, als Vorsitzenden des Bayern-Aufsichtsrats (seit März 2010) und als Vereinspräsident (seit November 2009) beerbt hat, hat die große Geschichte seines Vereins mehr als jeder andere gestaltet. Mit seinem Willen, seiner Leidenschaft, seinem Kampfesmut und seinen Überzeugungen hat der Sohn eines Ulmer Metzgermeisters so etwas wie das Grundgesetz dieses ganz besonderen Klubs verfasst. Die Bayern waren schon zu den Zeiten, da Hoeneß noch am Ball war, eine der ersten europäischen Fußballadressen; mit dem Manager Hoeneß an der Spitze wurde aus einem sportlich überaus erfolgreichen auch ein bemerkenswert reicher und doch sehr familiärer Verein, der seine Wurzeln nie leugnete und selten überkandidelt anmutete. Er gehört längst zu den deutschen Markenzeichen und hält mit seinen hoch bezahlten Profis an der Spitze auch als Kapitalgesellschaft die Spannung zwischen einem prosperierenden Geschäftsbetrieb und den Basisbedürfnissen seiner Mitglieder bis heute besser als vergleichbare Klubs anderswo in Europa aus.
 
Dem Münchner Markenartikel Hoeneß, seinen Bayern seit 1970 zu selbstverständlich treuen Diensten verpflichtet, sind über die Jahre eine Fülle von mehr oder weniger kennzeichnenden Etiketten angeheftet worden: Vordenker, Macher, Revolutionär mit realistischen Visionen, perfekte Symbiose aus Footballman und Businessman oder Gutmensch im Kampfanzug. Wie auch immer er bündig beschrieben wurde, seine Erdverbundenheit, sein Mut und seine Tatkraft schimmern durch alle Porträts, die von diesem einst stürmischen Sprinter auf dem Platz und heute noch angriffslustigen Protagonisten am Schreibtisch gezeichnet werden. Sein scharfer Intellekt, seine rasche Auffassungsgabe und sein unerschütterliches Pflichtbewusstsein haben aus Uli Hoeneß eine scheinbar zeitlose Persönlichkeit gemacht, die ihrer eigenen Agenda folgt und sich doch dem Wandel der Zeiten, manchmal aber ungern, nicht prinzipiell widersetzt. Wäre es anders, Hoeneß hätte nicht zum Manager aller Manager in seiner Liga werden können. Geld indes bedeutet dem Fußballfachmann bei weitem nicht alles. „Ich bin der sozialste Mensch, den ich kenne“, hat er einmal gesagt – und könnte diese These hundertfach belegen. Er tut es nicht, weil er seine Caritas nicht demonstrativ hervorhebt oder gar herzeigt. Wer aber bei den Bayern ein und aus geht, weiß, dass Uli Hoeneß, seitdem er 1979 im Alter von erst 27 Jahren Robert Schwan als Manager folgte, schon vielen Menschen in Not geholfen hat. Eine seiner Maximen lautet noch heute: „Nicht nach oben buckeln und nach unten treten, sondern umgekehrt: die Großen anpinkeln und den Schwachen helfen.“
 
Diese These hat Hoeneß oft belegt. Er pflegt die in seinen Wendungen oft bemühte „Streitkultur“ wie kein anderer Kollege in der Bundesliga, provoziert immer noch gern und ist rhetorisch kaum noch zu bremsen, wenn er sich erst einmal auf ein Objekt seines Zorns fixiert hat. Wer Uli Hoeneß mit Worten beikommen will, muss kaltblütig, reaktionsschnell und argumentativ auf der Höhe des Diskurses sein. Nur so hat er eine Chance gegen den Meister der Scharfzüngigkeit, der das Areal seiner ihm eigenen Gutmütigkeit jederzeit zu verlassen in der Lage ist, um sich dann offen für eine von ihm als richtig erkannte Sache zu schlagen. Seine Triumphe im konfrontativen Dialog pflegt Hoeneß mit einem selbstgewissen Lächeln zu genießen. Nachtragend aber oder unfähig, selbst Kritik einzustecken, ist diese vitale Führungskraft des deutschen Fußballs in aller Regel nicht.
 
Irrtümer zu korrigieren, gehört mit zu seinen Alltagsaufgaben. Er hat sie während seiner drei Jahrzehnte als Manager eines Alles-Gewinners im Fußball in überschaubaren Grenzen halten können. Auch, weil Uli Hoeneß stets neugierig auf andere Menschen und deren Sicht aufs Leben war. Eben deshalb macht der Schwabe eine konstante Evolution durch, bei der er gleichwohl nie seine Grundwerte verriet. Hoeneß, der immer auch ein fundamentaler Anwalt der Bayern-Fans war, hat vor ein paar Jahren gesagt: „Ich versuche, Menschlichkeit und Profitorientiertheit so weit wie möglich zu verbinden.“ Mag sein, dass die Textur seiner Überzeugungen wertkonservativ gestrickt ist, doch kommt dazu ein hohes Gerechtigkeitsbedürfnis, auch anderen, politisch-gesellschaftlich benachteiligten Menschen zur Seite zu stehen.
 
Der schwergewichtige Homo politicus Hoeneß ist längst auch in dieser Arena anerkannt als ein streitbarer Geist, der die Debatte ohne Angst vor einem persönlichen Auswärtsspiel würzt und belebt. Dass dieser ehrbare Kaufmann neben dem Konzern FC Bayern München auch eine eigene Wurstfabrik in Nürnberg zu einem profitablen Unternehmen gemacht hat, verwundert nicht. Hoeneß hat seine pragmatische Lebensdevise „learning by doing“ auch ohne Fachstudium zu einer sportlich wie ökonomisch eindrucksvollen Biografie verdichtet. Schon als Schulsprecher seines Ulmer Gymnasiums verhalf er einer damals defizitären Schülerzeitung per Eigenakquisition von Anzeigen zu Überschüssen. Und so ging er auch bei den Bayern im Erschließen von Sponsorenquellen oder beim Vermarkten der vereinseigenen Fanartikel stets mit Akribie und Fantasie voran. Inzwischen vermeldet dieser Klub Jahr für Jahr Rekordbilanzen und Umsätze, die bei weit über zweihundert Millionen Euro liegen.
 
Hoeneß verkörpert zwar wie sonst nur der über allem schwebende früher majestätische Libero und lebenslange Fußball-Kaiser Beckenbauer den FC Bayern, doch ist ihm dabei stets bewusst geblieben, dass damit keine Besitzansprüche verbunden sind, die nachfolgenden Manager-Generationen in Form von Schulden wehtun könnten. Deshalb war der Münchner Zampano auch immer so stolz auf das beachtlich gefüllte Festgeldkonto, von dem sich der Klub bei recht üppigen Einkaufstouren bedienen konnte. Uli Hoeneß hielt stets die wirtschaftliche Balance im Parallelogramm der Kräfte zwischen Ausgeben und Einnehmen. Für seinen Klub war er immer ein Chefverkäufer, der mit Kampfgeist und Courage zum Vorbild einer ganzen Branche wurde. Dass er in der ganzen Bundesliga auch die Gesetzmäßigkeit der Solidarität mit den Schwächeren beachtete, war nicht nur ein Akt der Nächstenliebe. Der Münchner Manager schätzte gerade in Zeiten, da der europäische Fortschritt des FC Bayern ins Stocken geriet, den nationalen Wettbewerb immer sehr hoch ein. Damit bewies er ein Augenmaß, das manchen Kollegen, die allein auf die Geldmaschine Champions League fixiert schienen, manchmal fehlte.
 
Nur kühl und nur strategisch indes ging Hoeneß nie zu Werke. Er hat sich auch mit wachsendem Alter einen gelegentlich aufscheinenden Hang zum Schwärmerischen, manchmal durchmengt mit kindlicher Freude, bewahrt. Etwa, wenn er Silvester im Kreis seiner Familie und Freunde zum Cheffeuerwerker wird. Und er ist ein Gourmet vor dem Herrn, der auch mal abschalten und genießen kann, wenn die Zeit für ein prächtiges Mahl und eine edle Flasche Weißwein bleibt. Er ist bei sich selbst und über all die Jahre ein mitfühlender Mensch mit viel Humor geblieben. Auch deshalb mögen ihn sogar seine Gegner, da der Mann, der jahrelang die Abteilung Attacke beim FC Bayern angeführt hat, seine Emotionen, sogar seine Anflüge von Sentimentalität nie verborgen hat. Die Manager-Ikone, die noch beim bedeutungsärmsten Freundschaftsspiel der Münchner auf der Bayern-Bank neben dem Trainer Platz nahm, gehört auch an neuer Stelle zum Inventar – und bleibt an der Spitze des Aufsichtsrats und als Präsident gefragt. Uli Hoeneß und die Bayern, diese genuine Erfolgs- und Fortsetzungsgeschichte geht weiter. Ein Ende ist weder erwünscht noch absehbar.
Roland Zorn
 
Literatur zu Ulrich Hoeneß:
Peter Bizer: Der programmierte Weltmeister. München 1982
Thomas Hüetlin: Gute Freunde: Die wahre Geschichte des FC Bayern München. München 2007
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