Sport schreibt
Geschichte.

Willkommen zu einer einzigartigen Zeitreise.

AKTUELLES28. Juli
Vor 40 Jahren gewinnt Kristina Richter mit der Handball-Nationalmannschaft der DDR bei den Olympischen Spielen in Montreal die Silbermedaille. Die dreimalige Weltmeisterin vom Berliner TSC gilt als weltbeste Handballspielerin der 1970er Jahre.

Mitglieder nächstes Mitglied zur Übersicht

Erhard Wunderlich

* 14. Dezember 1956 in Augsburg

† 4. Oktober 2012 in Köln

Handball

Zeitpunkt der Aufnahme 2016

In Aktion für die Nationalmannschaft (Foto: picture alliance)
Erhard Wunderlich im Trikot der deutschen Nationalmannschaft im Jahr 1977 (Foto: picture alliance)
Wunderlich gewinnt 1978 in Kopenhagen mit der BRD-Auswahl das Endspiel der Handball-Weltmeisterschaft gegen die UdSSR (Foto: picture alliance)
Finale des Handball Supercups 1981 gegen die UdSSR (Foto: picture alliance)
Bei der Weltmeisterschaft 1982 in Hannover ist Wunderlich nicht zu stoppen (Foto: picture alliance)
Wunderlich feiert 1983 den Gewinn des Europapokals der Landesmeister (Foto: picture alliance)
Olympia 1984: Gruppenspiel gegen Südkorea (Foto: picture alliance)
In Diensten des FC Barcelona: Wunderlich im Jahr 1984 (Foto: picture alliance)
Portraitaufnahme von Erhard Wunderlich aus dem Jahr 2007 (Foto: picture alliance)
Portrait

Handballer des Jahrhunderts

Erhard Wunderlich galt als einer der besten Handballer der Welt, war 1978 Weltmeister und gewann mit dem VfL Gummersbach sämtliche Vereinstitel. 1999 wählte ihn eine Trainer-Jury zu Deutschlands „Handballer des Jahrhunderts“.

Mit 21 Jahren war Erhard Wunderlich 1978 jüngster Spieler im deutschen WM-Team, das in Kopenhagen im Finale die Sowjetunion mit 20:19 bezwang. Mit seiner Kraft avancierte der 2,04 Meter große Rückraumspieler zu einem der gefürchtetsten Angreifer der Welt und errang bis 1983 mit dem VfL Gummersbach sämtliche Titel auf Vereinsebene: den Europapokal der Landesmeister (1983), den Europapokal der Pokalsieger (1978, 1979), den IHF-Pokal (1982), die Deutsche Meisterschaft (1982, 1983) und den DHB-Pokalsieg (1977, 1978, 1982, 1983). In den Jahren 1982 und 1983 war Wunderlich Torschützenkönig der Bundesliga. Der Olympia-Boykott verhinderte eine Teilnahme 1980 in Moskau.

1983 wechselte der in den beiden Vorjahren zu Deutschlands Handballer des Jahres gewählte Wunderlich zum FC Barcelona und gewann mit dem spanischen Klub 1984 den Europapokal der Pokalsieger. Zu dieser Zeit galt er als bester Handballspieler der Welt. Im selben Jahr führte er die bundesdeutsche Mannschaft in Los Angeles als überragender Spielgestalter zum Gewinn der olympischen Silbermedaille. Von 1976 bis 1986 absolvierte Erhard Wunderlich (Spitzname „Sepp“) 140 Länderspiele und erzielte dabei 504 Tore.

Zur Saison 1984/85 kehrte Wunderlich in die Bundesliga zum TSV Milbertshofen zurück, bevor er seine Karriere beim VfL Bad Schwartau (1989 bis 1991) ausklingen ließ. 2012 verlor er im Alter von 55 Jahren den Kampf gegen den Hautkrebs. „Sepp war im Angriff das größte Talent, das wir je in Deutschland hatten“, sagt „Hall of Fame“-Mitglied Heiner Brand, der 1978 zusammen mit Wunderlich den WM-Titel gewann.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Weltmeister 1978
› Olympia-Silber 1984
› Europapokal der Landesmeister 1983
› Europapokal der Pokalsieger 1978, 1979, 1984
› IHF-Pokal 1982
› Deutscher Meister 1982, 1983
› Deutscher Pokalsieger 1977, 1978, 1982, 1983
› Bundesliga-Torschützenkönig 1981/82 (214 Tore/91 Siebenmeter) und 1982/83 (182/60)
› Spanischer Pokalsieger 1984

Auszeichnungen:
› Umbenennung der Sporthalle Augsburg in Erhard-Wunderlich-Sporthalle (2012)
› Deutschlands Handballer des Jahrhunderts 1999
› Deutschlands Handballer des Jahres 1981 und 1982
› Silbernes Lorbeerblatt 1978, 1983, 1984

Biografie

Handballer des Jahrhunderts

Die Geburt eines Handballstars am 18. Juli 1976 in einer kleinen Halle in Augsburg geschah nahezu unbemerkt. Die große Musik des Handballs spielte damals ja in Kanada. Als der VfL Gummersbach beim Oberligaaufsteiger FC Augsburg zu einem Testspiel antrat, startete die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), darunter die VfL-Stars Joachim Deckarm und Heiner Brand, just in das olympische Turnier. Alle Augen waren nach Montreal gerichtet.

Doch VfL-Manager Eugen Haas war elektrisiert. Denn da spielte ein 19-jähriger Rückraumspieler, ausgestattet mit enormen körperlichen Fähigkeiten, mit der Deckung des Meisters förmlich Katz und Maus. Insgesamt 13 Bälle schleuderte der 2,04 Meter große Rechtshänder dem cleveren Torwart Klaus Kater ins Netz. Die 13 brachte ihm Glück. Mit diesem Spiel, nur wusste das noch niemand, betrat Erhard Wunderlich die große Bühne des Handballs.

Da schickte sich ein Teenager an, die Welt des Handballs zu erobern, das spürte der erfahrene Haas. Drei Tage später raste der alerte Manager in die Bundeswehrkaserne nach Germersheim bei Mainz, wo der gelernte Elektromechaniker seinen Wehrdienst ableistete. Als äußerst hilfreich erwies sich für Haas, dass er aus alten bayrischen Feldhandballzeiten (Haas hatte in Fürth gespielt) mit dem Vater Heinz Wunderlich bekannt war. In der Kaserne jedenfalls unterschrieb Wunderlich einen Vertrag beim VfL.

Danach ging alles rasend schnell. Auch Bundestrainer Vlado Stenzel zeigte sich begeistert. Keine vier Monate später, am 19. November 1976 im rumänischen Brasov, feierte Wunderlich gegen Rumänien sein Debüt in der Nationalmannschaft. Und nur weitere 15 Monate später, am 5. Februar 1978, zählte der  Rechtshänder zu jener Mannschaft, die in der Bröndby-Halle in Kopenhagen auf gar wundersame Weise gegen die Sowjetunion (20:19) die Weltmeisterschaft gewann und damit einen Handball-Mythos schuf. Erhard Wunderlich war gerade 21 Jahre alt. Im Finale absolvierte er sein 21. Länderspiel.

Geboren am 14. Dezember 1956 in Augsburg, wuchs Wunderlich als Einzelkind in einer Handballfamilie auf. Vater Heinz (1,96 Meter groß) war gefürchteter Stürmer, der es einmal auf die Titelseite einer Handballzeitung brachte, Mutter Hildegard (1,74) war Torfrau. Er habe eine strenge Erziehung genossen, erzählte Wunderlich 2006 in seinem Buch „Handball“. „Aber meine Eltern versuchten stets, gerecht zu sein. Das hat mich geprägt. Gerechtigkeit ist das Fair-Play meiner Seele. Nichts macht mich wütender als mangelnde Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit, als die Missachtung des Fair-Play-Gedankens.“

Der Ehrgeiz in der Schule hielt sich, beichtete Wunderlich später, in Grenzen. Seine Leidenschaft galt dem Sport in all seinen Möglichkeiten. „Ich spielte Tischtennis, war mal Torhüter beim Fußball, wurde vom berühmten Trainer Xaver Unsinn als Eishockeyspieler ausgebildet und versuchte mich auch als Wasserballer.“ Dass er sich irgendwann dem Handball verschrieben habe, verdanke er Hans Moser, dem rumänischen Weltmeister von 1961 und 1964, der ihn in der Jugend trainierte. „Hans Moser förderte und forderte mich, denn ich konnte ein recht ‚zorniger‘ junger Mann sein, und es gab reichlich Zoff, wenn ich nicht so wollte, wie er wollte.“ Aber die Basis dieser Konflikte sei stets fair gewesen.

1976 in Gummersbach angekommen, musste sich der Nobody Wunderlich hinten anstellen. In der Hierarchie standen Brand und Deckarm vor ihm. Auf der halblinken „Königsposition“ im Rückraum war Deckarm gesetzt, im Verein wie in der DHB-Auswahl. Wunderlich musste ausweichen und spielte oft auf der Linkshänderposition im rechten Rückraum. So auch bei der WM 1978 in Dänemark, wo er den Stammspieler Kurt Klühspies auf famose Weise entlastete.

Nach der WM lobten die Kritiker vorwiegend seine fantastischen Anspiele an den Kreis oder zu den Mitspielern im Rückraum. Wunderlich war eben nicht nur der Schütze, der seine Gegenspieler wie lästige Fliegen abschüttelte und die Bälle mit Kawumm in die Maschen schweißte. Vielmehr besaß er ein sehr feines Gespür für den richtigen Pass. „Sepp war im Angriff das größte Talent, das wir je in Deutschland hatten. Er besaß ein unglaubliches Potenzial”, sagt Heiner Brand. Wunderlich sei ein „echter Allrounder im Angriff“ gewesen, sagt Klühspies.

Dass Wunderlich in der Hierarchie der Mannschaften plötzlich aufrückte, hatte mit dem tragischen Unfall von Deckarm am 30. März 1979 in Tatabanya zu tun. Es habe viel Zeit gebraucht, diesen Unfall gedanklich zu verarbeiten, ließ Wunderlich später durchblicken. „Jahrelang haben wir daran gedacht und mussten damit kämpfen.“ Aber am Ende bewältigte Wunderlich diesen Spagat zwischen Trauma und Verantwortung. Er füllte bald das Vakuum, das Deckarm im Klub und in der Nationalmannschaft hinterlassen hatte.

Einen Schock in sportlicher Hinsicht erlebte er im Mai 1980, als der Boykott der Olympischen Spiele von Moskau verkündet wurde. „Da hätten wir als eingespielter Weltmeister unseren Titel bestätigen können“, so Wunderlich. Die Rolle des „Riesen mit den Polypen-Armen“ (Süddeutsche Zeitung) wurde danach, da die Nationalmannschaft von 1978 mit den Rücktritten von Klühspies, Brand und Manfred Hofmann auseinanderbrach, zwangsläufig noch wichtiger. Und Wunderlich steigerte sich in dieser Ära immer weiter. In den folgenden drei Jahren vollzog sich sein Aufstieg zum besten Handballer der Welt.

Dieser Aufstieg stand in enger Verbindung mit einer zunehmend verbesserten Physis, berichtet sein damaliger Mannschaftskamerad Andreas Thiel. Insbesondere Bundestrainer Vlado Stenzel habe das Training vor der Heim-WM 1982 intensiviert. Sportlich war das Großereignis mit dem siebten Platz nicht von Erfolg gekrönt. Aber im Klubhandball überragte Wunderlich nun alle spielerisch und nicht nur wegen seiner Körpergröße. In den Jahren 1982 und 1983 gewann Gummersbach alles, was an Titeln möglich war. „Wunderlich war unglaublich in diesen Monaten“, rühmt ihn Thiel. „Er war zwar nicht der schnellste, hatte aber eine sensationelle Spielübersicht.“ Und wenn es drauf ankam, so wie im Rückspiel des ruhmreichen Endspiels um den Landesmeisterpokal 1983 gegen ZSKA Moskau, schmetterte der Rückraumstar die Bälle einfach selbst ins Netz.
 
In dieser Phase spiegelte Wunderlich zugleich wie kein anderer die unaufhaltsame Verwandlung des Handballs, der offiziell noch von Amateuren betrieben wurde, hin zum kommerziell betriebenen Profisport. Sein hoher Marktwert war ihm wohl bewusst, weshalb er sich als erster deutscher Handballer von einem Manager vermarkten ließ. Dieser handelte im Frühjahr 1983 auch jenen spektakulären Vierjahresvertrag mit dem FC Barcelona aus, der eine Zäsur der Handballgeschichte darstellt.

Darüber, dass dieser Kontrakt mit 2,5 Millionen Mark brutto dotiert war, plauderte Wunderlich ganz offen und live im Aktuellen Sport-Studio. (Viel später kam heraus, dass auch der VfL ihm für ein weiteres Jahr in Gummersbach über 200.000 Mark netto offeriert hatte). Aus diesem Grund hätte er, da die Statuten des Weltverbandes eine Entlohnung verboten, vom Deutschen Handballbund eigentlich gesperrt werden müssen. Krisensitzungen wurden anberaumt. Doch die Funktionäre fanden irgendwie einen Weg, um auf die Angriffswucht des Stars nicht verzichten zu müssen.

Ohne Wunderlichs Tore und Spielübersicht hätte es wohl kaum zur Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gereicht – die Olympiateilnahme der DHB-Auswahl war, Ironie der Geschichte, erst durch den Boykott des Ostblocks ermöglicht worden. Nach Los Angeles wurde Wunderlich schon zum dritten Mal mit dem Silbernen Lorbeerblatt geehrt, die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik Deutschland für Sportler vorsieht.

Da sich Wunderlich in Barcelona nie heimisch gefühlt hatte, wechselte er schon im Sommer 1984 zurück nach Deutschland, in die Zweite Bundesliga zum MTSV Milbertshofen. Dessen Mäzen Uli Backeshoff, der in großem Stil Kopiergeräte vertrieb, hatte ihn mit einem Angebot als Vertragshändler gelockt, das zugleich eine Perspektive für die Karriere nach dem Handball bot. Fünf Jahre spielte Wunderlich in München.

Seine aktive Karriere beendete er im Frühjahr 1991 dann beim VfL Bad Schwartau mit dem Aufstieg in die Bundesliga. Seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft hatte er bereits 1986 verkündet, nach 140 Länderspielen und 504 Toren. Nach der WM 1986 in der Schweiz hatte sich, was ihn sichtlich nervte, die Kritik speziell auf den Rückraumstar konzentriert.

Zwischen 1990 und 1993 wirkte Wunderlich als Manager beim TSV Milbertshofen, Höhepunkt dieser Zeit war der Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1991, zumal dieser in seiner Heimatstadt Augsburg perfekt gemacht wurde. Aber diese Laufbahn wurde jäh zerschlagen, als Backeshoff den Klub im Sommer 1993 wegen der schlechten finanziellen Prognose aus der Bundesliga abmeldete. Das war ein Bruch in der Biographie Wunderlichs.

Es begann eine wechselvolle Zeit, die zuweilen gekennzeichnet war von beruflichen Rückschlägen. Selbst ein leidenschaftlicher Golfer, war seine Geschäftsidee als Betreiber eines Golfhotels von wenig Erfolg gekrönt. Nach der Jahrhundertwende arbeitete Wunderlich als Berater der Handball-Bundesliga und war in der ARD als meinungsstarker TV-Experte präsent. Dass er 1999 von einer Trainerjury zum „deutschen Handballer des Jahrhunderts“ gewählt worden war, schmeichelte ihm. „Ich habe Bernhard Kempa vor mir gesehen, Herbert Lübking, Hansi Schmidt, auch Jo Deckarm, und nur gedacht, was die Großes für den deutschen Handball geleistet haben“, kommentierte er bescheiden diese Wahl.

Wie sehr Wunderlich seine Sportart liebte, dokumentierte auch seine Sammlung von Trikots. Diese Agenten der Erinnerung pflegte er liebevoll und präsentierte sie stolz den Besuchern. Nach der WM 2007 wurde es stiller um Wunderlich. Die Nachricht vom 4. Oktober 2012, dass er in Köln im Alter von nur 55 Jahren einem Krebsleiden erlegen war, schockierte den deutschen Handball, da Wunderlich seine Krankheit nicht öffentlich gemacht hatte. Er hinterließ zwei Kinder und seine Frau Pia, die mit einer Stiftung, die Jugendarbeit fördert (Handball friends), die Ideen ihres Mannes weiterführt.

Die Kollegen und Freunde von einst würdigten in Nachrufen noch einmal die großen Verdienste des Sportlers. Einen wie Wunderlich, meinte Vlado Stenzel, der Weltmeistertrainer von 1978, „gibt es nur alle hundert Jahre“. Torwart Andreas Thiel sagte: „Sepp war der Handballer mit der größten Intuition – der größte Instinkthandballer, den ich kennengelernt habe.“ Begraben wurde Wunderlich in Augsburg. Dort wo er aufgewachsen war. Und wo seine große Handball-Karriere begonnen hatte, an diesem denkwürdigen Tag im Juli 1976.

Erik Eggers


Literatur zu Erhard Wunderlich:


Eggers, Erik: Handball. Die Geschichte eines deutschen Sports, Göttingen 2013.

Eggers, Erik: Der VfL Gummersbach. Die Chronik, Göttingen 2015.

Wunderlich, Erhard: Handball. Die Welt eines faszinierenden Sports, München 2006.