Sport schreibt
Geschichte.

Willkommen zu einer einzigartigen Zeitreise.

AKTUELLESDemnächst: 24. Dezember
Am 24. Dezember vor 150 Jahren wird in Berlinchen (Preußen) Emanuel Lasker geboren – von 1894 bis 1921 über 27 Jahre hinweg Schach-Weltmeister – ein von keinem anderen Spieler je wieder erreichter Rekord.

Mitglieder nächstes Mitglied zur Übersicht

Franz Keller

* 19. Januar 1945 in Nesselwang

Ski nordisch

Zeitpunkt der Aufnahme 2017

Franz Keller gewinnt 1968 bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille in der Nordischen Kombination (Foto: picture alliance)
Franz Keller bei einem Ausscheidungswettkampf in Schonach 1966 (Foto: picture alliance)
Auf der Schanze legt Keller 1968 in Grenoble den Grundstein für seinen Olympiasieg (Foto: picture alliance)
Keller mit seinem norwegischen Rivalen Markus Svendsen nach dem Sprungwettkampf 1968 in Grenoble... (Foto: picture alliance)
... zwei Tage später nach dem Langlaufrennen gratulieren Keller seine Teamkollegen zur Goldmedaille... (Foto: picture alliance)
... und lassen ihn hochleben (Foto: picture alliance)
Auch die deutschen Fans in Grenoble feiern ihren Olympiasieger frenetisch (Foto: picture alliance)
Franz Keller bei der Siegerehrung mit Alois Kälin (SUI) und Andreas Kunz (DDR) (Foto: picture alliance)
Der strahlende Olympiasieger (Foto: picture alliance)
Franz Keller bei der Aufnahmefeier in die Hall of Fame des deutschen Sports in Berlin 2017 (Foto: Deutsche Sporthilfe/picture alliance)
Portrait

Der überragende Kombinierer Ende der 60-er

Franz Keller war Ende der 1960er Jahre einer der überragenden Kombinierer im nordischen Skisport. Er gewann 1968 Olympia-Gold in Grenoble und wurde daraufhin von Deutschlands Sportjournalisten zum Sportler des Jahres gewählt. Er ist somit der erste von der 1967 gegründeten Deutschen Sporthilfe geförderte Olympiasieger.

Nach Doppel-Siegen bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften 1964 und 1965, jeweils im Spezialspringen und in der Nordischen Kombination, gehörte Franz Keller auch bei den Erwachsenen sofort zur Spitze: 1966 gewann der Nesselwanger die nationalen Meisterschaften im Spezialspringen und belegte in der Kombination aus Springen und Langlauf Rang zwei hinter „Hall of Fame“-Mitglied Georg Thoma, dem Olympiasieger von 1960. Damit qualifizierte sich Keller für die Weltmeisterschaften in Oslo. Am Holmenkollen holte der Allgäuer in der Kombination überraschend Silber hinter Thoma. Seiner Rolle als dessen Nachfolger wurde Keller voll gerecht: In der Saison 1966/67 siegte er bei neun internationalen Starts neunmal, darunter am legendären Holmenkollen-Berg von Oslo. Seine Stärke im Springen stellte Keller mit Rang zwei beim Vierschanzentournee-Springen in Innsbruck unter Beweis. Für die Olympischen Spiele 1968 in Grenoble galt er daraufhin als großer Favorit. Nach dem Springen lag er zwar in Führung, doch der Rückstand seines größten Rivalen Alois Kälin aus der Schweiz war so gering wie nie zuvor. In der Loipe rettete der Deutsche einen hauchdünnen Vorsprung ins Ziel. Damit wurde er der erste Olympiasieger, der von der ein Jahr zuvor gegründeten Deutschen Sporthilfe gefördert wurde.

In der Heimat wurde der Olympiasieger frenetisch gefeiert. Keller blieb bescheiden, er galt als „der große Schweiger aus dem Allgäu“. 1970 riss die Erfolgsserie bei den Weltmeisterschaften in der tschechischen Hohen Tatra. Keller qualifizierte sich noch einmal für Olympia, gewann auch 1971 die Generalprobe in Sapporo, kam aber 1972 nicht mit der Schanze zurecht und belegte im olympischen Wettbewerb nur Rang 33. Nach dem Sieg bei den Deutschen Meisterschaften 1973 nahm er 1974 noch einmal an den Weltmeisterschaften im schwedischen Fallun teil. Nach Platz 28 und mit schwerwiegenden Rückenproblemen beendete er die Karriere. Der Berufssoldat blieb dem Sport als Ausbilder verbunden, wirkte zunächst drei Jahre lang als Juniorentrainer im Deutschen Skiverband und später in der Sportschule der Bundeswehr in Sonthofen.

Erfolge

Größte Erfolge:
> Olympiasieger 1968
> WM-Zweiter 1966
> 1967 neun Siege bei neun internationalen Starts
> 1971 Sieg bei der Olympia-Generalprobe in Sapporo

Auszeichnungen:
> Holmenkollen-Medaille 1973
> Silbernes Lorbeerblatt
> Sportler des Jahres 1968

Biografie

Der überragende Kombinierer Ende der 60-er


Franz Keller, der Allgäuer, ist kein Mensch überschwänglicher Gefühlsausbrüche. Olympische Spiele – ein Wettkampf wie jeder andere, der Sieg eben nur einer in der Reihe seiner Erfolge. Keller war gerade 23, als er die Goldmedaille gewann - nicht doch ein Moment für die Ewigkeit? Immerhin war er 1968 der erste Sporthilfe-Athlet mit Olympiagold.

„Ich war einfach froh, dass es vorbei war.“ Wenn Franz Keller davon erzählt, klingt es wie beiläufig: Da war dann auch noch Olympia. Wer kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in eine Familie von sieben Kindern hineingeboren wurde, der hatte erst einmal andere Träume als den vom großen Erfolg. Aber das eine Gefühl war schon ganz früh da: abheben, durch die Luft segeln und möglichst spät wieder landen. Franz Keller war noch nicht einmal in der Schule, als er mit seinem zehn Jahre älteren Bruder Erwin jede freie Minute im Schnee verbrachte, auf Ski. Die Jungen bauten sich Schanzen, nutzten natürliche Hügel und der ältere, schon ein richtiger Skispringer, zeigte dem Kleinen, wie es geht. Der traute sich auch bald auf die Jugendschanzen – und konnte nicht genug bekommen. Erwin musste schon früh aus gesundheitlichen Gründen den Leistungssport aufgeben, Franz übte weiter, allein, zuhause in Nesselwang. Skispringen faszinierte ihn. Er fand in der Verbandszeitschrift des Deutschen Skiverbandes eine Studie über den „Fisch-Stil“ – die Arme nach hinten, eng am Körper anliegend – und probierte ihn aus. Als er zwölf war, nahm er an den ersten kleinen Wettkämpfen im Allgäu teil und wurde bald zu Lehrgängen eingeladen. Er begegnete seinen Vorbildern, den großen Oberstdorfer Skispringern, allen voran Max Bolkart.

Fast nebenbei wurde Keller auch zum Kombinierer. Die Kinder im Allgäu fuhren alpin, sprangen und liefen querfeldein auf Ski. Langlauf fiel Franz Keller leicht, als Training, aber seine Liebe gehörte dem Springen. Alles, was er konnte, hatte er sich selbst erarbeitet, er hatte im Allgäu nie einen Trainer. Die Schanze richtete er oft selbst her. Bekannte bat er, die vorgeschriebene Aufsicht zu stellen. Kellers Sprungski gehörten dem Skiklub Nesselwang, alte norwegische Holzski, auf denen auch sein Bruder gesprungen war. Erst als er im Landeskader war, bekam er vom bayerischen Verband Ski, die denen der Konkurrenz nicht mehr unterlegen waren.

Die  Allgäuer Jugendmeisterschaft fand in Nesselwang statt, als Keller 13 Jahre alt war – ein Heimspiel, sein erster Start in dieser Klasse. Er stürzte, „sonst hätte ich gewonnen“. Alle Wettkämpfe, alle Meisterschaften hat er noch immer im Kopf, mit den Austragungsorten, den Namen der Konkurrenten, den Bedingungen, den Ergebnissen, erzählt in chronologischer Reihenfolge. 1961 hatte er sein erstes Ziel erreicht: Deutsche Jugendmeisterschaft in Hinterzarten. Keller gewann die Kombination, wurde Zweiter im Spezialspringen. Den Siegerpreis – eine Uhr – überreichte ihm Georg Thoma, der ein Jahr zuvor Olympiasieger in der Nordischen Kombination geworden war. Aber viel mehr beeindruckten ihn auch diesmal die anderen Springer: Wolfgang Happle, Heini Ihle. Und deren Trainer, Ewald Roscher – „mein Entdecker, mein Förderer, fast etwas wie mein zweiter Vater“. Roscher ließ den gerade Sechzehnjährigen als Vorspringer von der großen Adlerschanze springen, lud ihn zum Lehrgang mit den „Großen“ ein und nahm ihn fortan unter seine Fittiche. Sieben Jahre dauerte die Zusammenarbeit, bis Roscher seinen Trainerposten verlor.

Daheim hatte Keller eine Lehre als Maurer begonnen; „immer an der frischen Luft und im Winter mit viel Zeit für den Sport“ – dank eines verständnisvollen Chefs. Vom Lehrlingsgehalt gab er zuhause seinen Teil ab, bei Lehrgängen gab es Tagesgeld, so dass er sein Auskommen hatte. Nach der Gesellenprüfung musste er umdenken. 1966 ging er zur Bundeswehr und verpflichtete sich zunächst auf zwei Jahre, um finanziell abgesichert zu sein. Schließlich wurde Soldat sein Beruf, der Sportzug bot ihm beste Trainingsmöglichkeiten. Er absolvierte alle nötigen Lehrgänge der Unteroffiziersausbildung; mit 52 Jahren beendete er die Laufbahn als Stabsfeldwebel.

Auch im Langlauf wurde Keller immer besser, je erwachsener er wurde. Nach wie vor fuhr er zweigleisig. Bei den Weltmeisterschaften 1966 am Holmenkollen in Oslo trat er im Springen auf der Normalschanze an, war als Elfter bester Springer aus der Bundesrepublik. In der Kombination gewann er Silber -  hinter Georg Thoma. Mit seinem Vorgänger als Olympiasieger hat er sich freilich nie verglichen. Ein bisschen Stolz klingt bei Franz Keller durch, wenn er erzählt, dass er in jungen Jahren schon eine WM-Medaille gewonnen hatte, Thoma aber nicht.  

In den Schoß gefallen sind ihm die Erfolge nicht, aber bei aller Anstrengung bestimmte immer Spaß sein Leben im Sport. „Ich habe einfach immer gemocht, was ich tat, es war die reine Freude am Springen und Laufen.“ Vielleicht war es diese Lockerheit, die ihm 1966 den Deutschen  Meistertitel  der Spezialspringer brachte und auch international Erfolge  – bei seiner zweiten Teilnahme an der Vierschanzentournee: 1967 wurde er Zweiter in Innsbruck und Sechster der Gesamtwertung. „Vielleicht wäre einmal sogar noch mehr drin gewesen“, sagt er rückblickend. Denn bei seinem ersten Einsatz hatte er fröhlich und unbedarft einem jugoslawischen Konkurrenten vor dem zweiten Durchgang erzählt, warum die Springer der Bundesrepublik im ersten so gut gewesen waren – und prompt war der Wachs-Vorteil dahin.

In der Nordischen Kombination war Keller in dieser Zeit der überragende Athlet. Im vorolympischen Winter gewann er jeden Wettbewerb. „Ich konnte gar nichts falsch machen, es ging einfach so gut.“ Natürlich galt der Allgäuer als hoher Favorit auf die Goldmedaille in Grenoble 1968.

Bis zu der Sache mit Ralph Pöhland. Auf den Athleten aus Klingenthal hatten die Funktionäre der DDR ihre ganzen Hoffnungen in der Kombination gesetzt. Keller hatte 1967 auch ihn besiegt, für Grenoble war er sich seiner Sache sicher. Doch plötzlich wurde der vermeintliche Gegner aus dem Osten ein Konkurrent im eigenen Team. Denn wenige Wochen vor Beginn der Spiele hatte sich Pöhland bei einem Wettkampf in der Schweiz mit Hilfe von Georg Thoma von seiner Mannschaft abgesetzt, war in den Westen geflohen. Er wurde Teil der Mannschaft der Bundesrepublik. Beim „Deutschlandschild“ in Reit im Winkl – an dem die DDR wegen des Wettkampfnamens nicht teilnahm – gewann Pöhland zum ersten Mal gegen Keller, bei fast irregulären Bedingungen. Die Vorzeichen hatten sich geändert, es wurde schwierig für Keller. Ein Jahr lang war er als großer Favorit hochgelobt worden, „jetzt plötzlich war da der andere“. In Grenoble, Pöhland war bereits Teil der Mannschaft der Bundesrepublik, protestierte die DDR und erreichte dessen Sperre für den olympischen Wettkampf. Auch Keller war entsetzt: „Ich hätte lieber die Silbermedaille gewonnen, wenn er nur hätte starten dürfen.“ Schließlich kannten sie sich ja schon länger, hatten schon 1965 bei einem Aufeinandertreffen in Finnland zusammen Fußball gespielt, ein Bier zusammen getrunken, sich gemeinsam gegen finnische Fans verteidigt – zwei Deutsche aus Ost und West.

Pöhland fehlte – und Keller wurde seiner Rolle gerecht: Bester nach dem Springen, „im Laufen bin ich über mich rausgewachsen“. Der Schweizer Mitfavorit Alois Kälin holte in der Loipe fast dreieinhalb Minuten auf  – am Ende hatte Keller rund sechs Sekunden Vorsprung. Die Strecke sei ihm entgegen gekommen. „Dann habe ich halt gewonnen.“ Ganz ruhig ging er zur Seite, er mag Sieger nicht, die sich hinwerfen vor Glück. Nein, an riesige Freude kann er sich nicht erinnern. Vielleicht hätte er sich ein wenig anders gefühlt, wenn die Siegerehrung nicht erst ein paar Tage später gewesen und die deutsche Nationalhymne gespielt worden wäre - für die Olympiasieger aus beiden deutschen Mannschaften gab es damals Beethovens Ode an die Freude. So war es einfach ein Rennen wie jedes andere. „Hauptsache, es war vorbei.“ Was bleibt: Es war die erste Goldmedaille eines Sporthilfe-geförderten Athleten bei Olympischen Spielen.

Sportliche Helden werden in der Heimat gefeiert – da musste auch Keller durch, dem solche Ehrungen überhaupt nicht liegen. Schon nach der WM-Silbermedaille hatte es in Nesselwang einen Empfang gegeben, diesmal wurde das Fest noch größer, rund 6000 Menschen – beinahe doppelt so viel wie Nesselwang Einwohner hat - waren dabei. Eine Goldmünze im Wert von 300 Mark und ein Farbfernseher waren die offizielle Anerkennung für bundesdeutsche Gewinner. Das Grundstück, das seine Heimatgemeinde ihm schon nach der WM-Silbermedaille angeboten hatte, wurde nach dem Olympiasieg ein Stückchen größer. Freilich dauerte es viele Jahre, bis man sich im Rathaus daran erinnerte und das Haus gebaut werden konnte. „Wenn alles vorbei ist, bist du schnell vergessen.“

Es klingt ein wenig bitter. Für Keller war die Zeit nach den Olympischen Spielen nicht leicht. Zwei Wochen nach dem Triumph von Grenoble erlebte er eine seiner schwersten Niederlagen. Pöhland wurde Deutscher Meister in der Kombination, Keller – angestrengt vom Feier-Marathon, ohne Training -, musste sich ihm geschlagen geben. „Da ist mir ein Zacken aus der Krone gefallen.“ In den folgenden Jahren konnte er nicht mehr an seine besten Leistungen anknüpfen. Vielleicht fehlte die Einstellung, ganz sicher war es auch eine Frage des Trainers. Denn nach Ewald Roscher kam jedes Jahr ein neuer. „Das Training wurde umgestellt, es wurde nicht besser, für mich war es nicht gut.“ Er hatte weiter Spaß am Sport, „manchmal sogar mehr als vorher, weil ich es locker genommen habe“. Aber die Rückenprobleme wurden immer schlimmer, und nach der WM 1974 beendete er seine Karriere.

Franz Keller schaut trotzdem gern zurück. Immer wieder gehen ihm freilich auch Gerüchte und Erzählungen von Doping durch den Kopf, wenn er an Konkurrenten von früher denkt. Wenn er sich zu erklären versucht, warum der eine oder andere so unverhältnismäßig schnell gelaufen ist – oder plötzlich einen unerklärbaren Leistungseinbruch hatte. „Das Thema Doping trübt natürlich auch heute die Freude beim Zuschauen“, sagt er, die Fairness werde einfach mit Füßen getreten. Dabei sei doch gerade das, was den Sport vor allem für Kinder und Jugendliche ausmache: Fairness zu lernen, Kameradschaft zu erleben, gegeneinander anzutreten und doch den anderen zu respektieren.

Im Skiklub ist er Ehrenmitglied, den Beisitzerposten hat er längst aufgegeben. Mit anderen ehemaligen Sportlern engagiert er sich für das Skimuseum, das vor ein paar Jahren entstanden ist. Ansonsten bleibt er viel für sich, genießt die Zeit mit Tennisspielen, Radfahren, Skitouren, bei der Arbeit in seinem eigenen Wald. Und freut sich an seinen Söhnen, die beide studiert haben und erfolgreich im Beruf sind. „Und darauf bin ich mindestens so stolz, als wenn sie Leistungssportler geworden wären.“

Christiane Moravetz, April 2017