Gunda Niemann-Stirnemann

Eisschnelllauf

  • Name Gunda Niemann-Stirnemann
  • Sportart Eisschnelllauf
  • Geboren am 7. September 1966 in Sondershausen (Thüringen)
  • Aufnahme Hall of Fame 2019
  • Rubrik 90er Jahre bis heute

Eisschnellläuferin des Jahrhunderts

Gunda Niemann-Stirnemann zählt weltweit zu den größten Eisschnellläuferinnen aller Zeiten. In den 1990er Jahren hatte die Erfurterin fast ein Abonnement auf große Titel. Neben drei olympischen Gold-, vier Silber- und einer Bronzemedaille vervollständigen 19 Welt-, acht Europameistertitel, 19 Weltrekorde sowie bislang unerreichte 98 Weltcup-Siege und 19 Gesamtweltcup-Gewinne ihre sensationelle Ausbeute auf den Eisbahnen der Welt. Nach der Wende war sie der erste deutsch-deutsche Wintersportstar, 1999 wurde sie zur „Eisschnellläuferin des Jahrhunderts“ gewählt.

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Zusammen mit zwei Schwestern und zwei Brüdern wuchs Gunda, geborene Kleemann, in Sondershausen auf, probierte in ihrer Kindheit verschiedenste Sportarten aus und besuchte später die Kinder- und Jugendsportschule in Erfurt. Den Kufensport entdeckte sie erst im Alter von 17 Jahren für sich. Ihren ersten internationalen Erfolg feierte sie als 21-Jährige mit EM-Bronze, danach ging es Schlag auf Schlag: 1989 folgte der erste EM-Titel, 1990 der Gewinn des Gesamt-Weltcups und 1991 der erste WM-Titel. Ihr erstes Olympia-Gold gewann sie bei den Winterspielen 1992 in Albertville über 3.000m, zugleich die erste olympische Goldmedaille für das wiedervereinte Deutschland. Mit einer weiteren Goldmedaille über 5.000m sowie Silber über 1.500m und dem WM-Titel im Mehrkampf (500m, 1.500m, 3.000m, 5.000m) krönte sie die erfolgreiche Saison 1992.

Ihre „größte sportliche Tragödie“, wie sie selbst sagt, erlebte sie 1994 in Lillehammer, als sie als große Favoritin gleich im ersten Lauf stürzte. Sie holte danach jedoch noch Olympia-Silber über 5.000m und -Bronze über 1.500m. Auf dem Weg zum dritten Olympiasieg konnte die „Königin der Eisflitzerinnen“ auch die Einführung des Klappschlittschuhs und die damit verbundene Änderung der Lauftechnik nicht aufhalten, 1998 gewann sie in Nagano Gold über 3.000m und jeweils Silber über 1.500m und 5.000m, zehn WM-Medaillen sollten folgen. Nach einer Babypause meldete sie sich in der Saison 2003/04 mit zweiten bis fünften Plätzen bei Weltcups und Weltmeisterschaften eindrucksvoll zurück und hatte ihre fünften Olympischen Spiele im Visier. Sie musste jedoch im Oktober 2005 wegen anhaltender Rückenbeschwerden ihr Karriereende bekannt geben.

Heute ist die Erfurterin bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG als Trainerin angestellt. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann (Niemann) ist sie in zweiter Ehe mit ihrem Schweizer Manager Oliver Stirnemann verheiratet. Die gemeinsame Tochter Victoria ist ebenfalls Sporthilfe-geförderte Eisschnellläuferin.

Gunda Niemann-Stirnemann

Eisschnelllauf

Größte Erfolge

  • 3-fache Olympiasiegerin 1992, 1998
  • 4-fache Olympia-Zweite 1992, 1994, 1998
  • Olympia-Dritte 1994
  • 19-fache Weltmeisterin
  • 8-fache Europameisterin
  • 19 Weltrekorde
  • 98 Weltcup-Siege
  • 19-fache Gewinnerin des Gesamt-Weltcups

Auszeichnungen

  • Namensgeberin für Eisschnelllaufhalle in Erfurt (2001)
  • Eisschnellläuferin des Jahrhunderts (1999)
  • Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Erfurt (1998)
  • Verleihung des "Eis-Oscars" (1995, 1996, 1997)

Biografie

Der lang gehegte Traum wird in Albertville wahr. Die gesamte Familie ist angereist, um an der Kunsteisbahn bei dem Rennen über 3000 Meter der Damen da zu sein. Um zu sehen, wie Gunda Niemann an jenem 9. Februar 1992 läuft. Sie werden belohnt. Sie erleben einen großen Tag der Eisschnellläuferin aus Thüringen. Sie siegt und bekommt ihre erste olympische Goldmedaille umgehängt. Es ist die überhaupt erste für das wiedervereinigte Deutschland, ein historischer Moment in einer märchenhaften Erfolgsgeschichte.

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In Frankreich schreibt die Erfurterin ein goldenes Kapitel davon. Acht Tage nach dem Goldlauf über 3000 Meter gewinnt Gunda Niemann-Stirnemann, wie sie später heißt, auch die 5000 Meter. Zwei Olympiasiege bei ihren zweiten Winterspielen. Ein Stern geht auf in den französischen Alpen. Doch der glanzvolle Weg zur Eisschnellläuferin des Jahrhunderts führt auch durch Tiefen. Über Momente, aus denen sie immer wieder gestärkt hervorgeht, in denen aus Tränen Triumphe erwachsen.

Wie oft die starke Frau aus Thüringen auf die Tränen von Lillehammer angesprochen wird? Gunda Niemann-Stirnemann hält sich daran nicht auf. Der Sturz bei den Olympischen 1994 ist eine Fußnote in einer glanzvollen Ära. Sie ist ganz oben angekommen. Die Schritte die Treppe hinauf zum Erfurter Eissportzentrum erinnern sie daran. In Sichtweite zu der nach ihm benannten Schwimmhalle, mit der die Stadt Erfurt Roland Matthes ein Denkmal gesetzt hat, steht Gunda-Niemann-Stirnemann-Eishalle in großen silberfarbenen Lettern auf blauem Grund. Vorbei an dem breit gefassten Schriftzug mit ihrem Namen geht die Erfurterin täglich – und lächelt.

Die Eisschnelllauf-Halle in ihrer Heimatstadt ist nicht zuletzt wegen ihrer Erfolge entstanden. Sie ist aber inzwischen mehr als Ausdruck der Ehrerbietung vor ihren Erfolgen. Sie ist in erster Linie die Heimstätte der Trainerin Gunda Niemann-Stirnemann.

„Es erfüllt mich mit Stolz“, betont die erfolgreichste deutsche Eisschnellläuferin. Sie sagt es in Dankbarkeit. Und sie sagt es mit der Leidenschaft von früher, mit der sie heute in einer anderen Aufgabe ihr Wohnzimmer betritt. Was sie einst stark gemacht hat, gibt Gunda Niemann-Stirnemann vor allem an Jugendliche zwischen 16 und 19 weiter. Tochter Victoria ist darunter. Die 17-Jährige gilt als großes Talent.

Zu Hause ist sie Tochter, auf der Rollbahn, im Kraftraum oder in der Eishalle gelehrige Schülerin, die die Mutter aber nicht unter Druck setzen möchte: „Es ist schön, dass sie so viel Freude daran hat.“  Vergleiche scheuen beide. Sie soll ihren Weg gehen, wachsen, reifen. „Aber sie will“, stellt ihre Mutter mit Freude fest.

Das Trainerdasein bei ihrem Heimatverein ist das neue Leben der Eisschnellläuferin des Jahrhunderts. Es erfüllt sie. Das alte Leben aber ist nie Vergangenheit. Gunda Niemann-Stirnemann denkt an Heerenveen, ans Viking Race mit den Jugendlichen im vergangenen Winter. Und plötzlich steht er wieder da mit leuchtenden Augen – „Jetze“. Dem herzlichen Niederländer ist es gleich, dass Gold-Gunda nicht mehr selbst auf der Bahn läuft. Er ist und bleibt glühender Anhänger der früheren Ausnahmesportlerin. Gunda Niemann-Stirnemann ist 54, und so herzlich wie eh und je begrüßt sie den Fan mit einem Lächeln.

Man kennt einander, man schätzt einander, man sieht sich gern. Wann diese Sportler-Fan-Freundschaft begonnen hat, vermag Gunda Niemann-Stirnemann nicht zu sagen. Über 23 Jahre jagt sie auf dem Eis um Gold und Rekorde, 15 Jahre in der Weltspitze. Eine unglaubliche Bilanz an Erfolgen kann sie vorweisen. Acht Olympia-Medaillen gewinnt sie, davon drei Goldene. Hinzu kommen allein elf WM-Titel auf den Einzelstrecken, acht WM-Siege im Mehrkampf. Als Rekord für die Ewigkeit stehen wohl die 98-Weltcup-Erfolge, bis die aus Sondershausen stammende Eischnellläuferin 2005 die Schlittschuhe endgültig zur Seite legt. Eine Karriere mit zig Höhen, aber auch Tiefen. Und mit solchen Momenten wie in Lillehammer 1994, die beides verkörpern.

Wer so viel gewonnen hat, für den ist ein tränenreicher Augenblick kaum mehr als eine Fußnote. Gunda Niemann-Stirnemann hat den 17. Februar vor 25 Jahren verdrängt. Gerade dieser steht indes auch für die Größe einer damals 27-Jährigen, die als erfolgreichste deutsche Eischnellläuferin in die Geschichte eingeht.

„Es gibt Schlimmeres, wenn man bedenkt, was in der Welt so alles los ist“, bringt sie seinerzeit mit gequältem Lächeln hervor. „Und dass ich jetzt heule, ist eben meine Enttäuschung. Ich glaube, das erlauben Sie mir“, lässt sie vor der Presse folgen.

Zwei Stunden ist es damals her, dass Gunda Niemann-Stirnemann als Favoritin über 3000 Meter an einem der Klötzchen hängen geblieben ist, stürzt und die Japanerin Seiko Hashimoto mit in die Bande reißt. Sie, die gut zwei Monate zuvor an gleicher Stelle Weltrekord über 5000 Meter gelaufen ist, erlebt einen bitteren Moment und Tage später eine glänzende Auferstehung.

Vier Tage nach Bronze über 1500 Meter bekommt sie Silber umgehängt. Claudia Pechstein ist um einen Hauch schneller. Wieder fließen Tränen bei Gunda Niemann-Stirnemann. Sie weint vor Glück, noch zwei Medaillen gewonnen zu haben. Eine Goldmedaille und zweimal Silber folgen 1998 in Nagano.

Das Gefühl, wie sich der Hals zuschnürt, kein Wort herauskommt, dass alles vorbei scheint, wofür sie hart gearbeitet hat, dieses Gefühl kennt Gunda Niemann-Stirnemann aus der Jugendzeit. Sie ist keine zehn, als der Traum platzt, als Volleyballspielerin an der Kinder- und Jugendsportschule aufgenommen zu werden. Und sie ist niedergeschlagen, als es mit der Leichtathletik nicht weitergeht. Als Kind probiert sie alles. Schwimmen, Handball, Tischtennis, Volleyball. Und eben auch Leichtathletik. Die öffnet dem Mädchen aus Sondershausen dann die Tür zur ersehnten Sportschule und schlägt ihr dieselbe Tür mit 16 wieder zu. „Einen Meter siebzig sollte ich bleiben, einen Meter siebzig. Daran änderte auch der Umstieg vom Volleyball zur Leichtathletik nichts“, schreibt sie in ihrem Buch „Ich will“. Mit der Erkenntnis: Größe und Talent reichten nicht zu einer Perspektive. Auch kein DDR-Meistertitel über 300 Meter Hürden.

Sie könne sich noch zwischen Radfahren und Eisschnelllauf entscheiden, heißt es. Die jüngste von fünf Kindern, die unbedingt an die Sportschule wollte, wählt das Eis. Darauf fühlt sie sich nach einem Jahr noch wackelig, unsicher. Bis zur Kinder- und Jugendspartakiade 1985. Gunda Kleemann, wie sie einst geheißen hat, gewinnt die 1000 Meter in Bestzeit, drei Stunden später noch die 3000 Meter. Die ersten Goldenen auf dem Eis.

„Nachdem ich einmal da oben auf dem Treppchen gestanden hatte, wollte ich wieder dorthin“, erzählt die Erfurterin. Dieser Wille treibt sie an. Beim Training kann sie gnadenlos sein, gegenüber der Gruppe, aber vor allem gegen sich selbst. Und sie erinnert sich an Trainingstage, die sie anders vielleicht nicht durchgestanden hätte.

Sie besitzt die Fähigkeit, über den Schmerz zu gehen und aus Niederlagen Stärke zu gewinnen. Sie erobert die Eisbahnen der Welt im Flug. Debüt beim Weltcup in Berlin 1987, Europameisterschaft in Kongsberg in Norwegen, Olympia-Debüt als Siebte in Calgary, Silber bei der Mehrkampf-WM in Lake Placid, Hamar, Heerenveen, die Spiele in Albertville 1992. Und dann Lillehammer 1994, „es ist eine Riesenerfahrung gewesen“, sagt die in Erfurt mit Ehemann Oliver Stirnemann lebende Mutter einer Tochter. Es ist für Gunda Niemann-Stirnemann aber auch der Inbegriff der Olympischen Winterspiele gewesen.

Sie selbst nennt es ein Wintermärchen. Besonders wegen der Herzlichkeit und dieser Wärme, mit der die Norweger die Sportwelt empfangen haben. Dabei ist es damals vor allem bitterkalt gewesen.

In Lillehammer ist eine Menge Schnee gefallen, um die 26, 27 Grad minus sind es gewesen. In Norwegen, wo die olympischen Anlagen ein harmonisches Bild in traumhafter Landschaft abgeben, schlägt das so naturverbundene Herz Gunda Niemann-Stirnemanns höher. Dieses Wechselspiel zwischen schroff und behaglich mag sie. Und als Familienmensch besonders auch diese wärmende Gastfreundschaft.

„Ole“ steht für diese. Der Inhaber des Pubs „Siste Indre“, was so viel wie „die letzte Innenbahn“ bedeutet, ist derart angetan von den Spielen, dass er das Lokal an der Eishalle in Hamar eröffnet. Nicht zuletzt die Leistungen der Erfurter Eisschnellläuferin haben den Neu-Gastronom inspiriert. Mit 34 läuft die Erfurterin Jahre später noch über 3000 Meter einen letzten Bahnrekord, der bis heute steht. Oles Lokal ist seinerzeit eines, in dem sich die Kufen-Asse widerspiegeln. „Er liebte diese Spiele“, sagt die Erfurterin über Ole. Der ist eigentlich Goldschmied gewesen und mehr als ein großer Fan der deutschen Ausnahmesportlerin geworden –  ein Freund. Dass er ihr Schmuck anfertigte, lässt die Erinnerung auf ewig in Gold glänzen.

Wobei Gunda Niemann-Stirnemann dafür nicht auf die edlen Stücke schauen müsste. Ihre Laufbahn ist in Gold gefasst. Nachdem die Schülerin mit 17 zum Eissport gewechselt ist, gewinnt die ESC-Läuferin unter Trainerin Gabi Fuß 1989 den ersten von acht EM-Titeln, zwei Jahre später folgt das erste WM-Gold im Mehrkampf. Acht olympische Medaillen sind es insgesamt für die Erfurterin. Sie wechselt 1994 zu Trainer Stephan Gneupel, 2000 zu Klaus Ebert und kehrt auch nach der Geburt von Victoria 2002 noch einmal für zweieinhalb Jahre aufs Eis zurück.

Und „Jetze“? „Er ist überall und steht immer an der gleichen Stelle“, erzählt Gunda Niemann-Stirnemann. Wie viele Holländer speziell auch in Heerenveen, wo die deutsche „Grand Dame“ des Kufensports bekannt ist, verehrt der Mann die willensstarke Frau aus Thüringen. Er darf ein Stück der goldenen Laufbahn sein Eigen nennen.

Eine kleine Medaille, die es bei Weltmeisterschaften zu jeder großen auf dem Podest gibt, schenkt die Erfurterin „Jetze“. „Mir war einfach so“, erzählt sie. Selbst fünfzehn Jahre nach ihrem letzten Rennen holt die Erfurterin Fanpost aus dem Briefkasten. Aber sie schmückt sich nicht mit Trophäen. Weder zu Hause, noch im Trainerzimmer. Nur der Pokal als Eisschnellläuferin des Jahrhunderts erinnert abseits des öffentlichen Blicks an all das, was Gunda Niemann-Stirnemann erreicht hat. Sie sucht nicht die Öffentlichkeit, umsorgt lieber und schöpft in der Familie Kraft, um für das Eisschnelllaufen Feuer und Flamme zu sein.

Ob ganz unten oder ganz oben, ob auf oder neben der Eisbahn. Das Herz lacht.

Stefan Eß, September 2019

Literatur zu Gunda Niemann-Stirnemann:

Gunda Niemann-Stirnemann: Ich will: Traumkarriere mit Tränen und Triumphen. Neue Berlin, 2000.


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