
Motorsport
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Die Anfänge seiner Rennfahrer-Karriere macht Wolfgang Graf Berghe von Trips auf einem Porsche. 1954 wird er damit das erste Mal Deutscher Meister.
1961 gewinnt Graf Berghe von Trips seinen ersten Grand Prix. Der Sieg beim GP der Niederlande ist gleichzeitig der erste eines deutschen Rennfahrers seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
Noch schien alles in Ordnung in Monza. „Wolfgang Graf Berghe von Trips“, bemerkte der deutsche Radiokommentator lakonisch zum Unfall, der ihm gemeldet worden war, „kam aus der zweiten Runde nicht zurück“. Merkwürdig unaufgeregt war, jedenfalls von heute aus betrachtet, die Hörfunk-Reportage vom 10. September 1961 über den Großen Preis von Italien im Autodromo Nazionale di Monza. Schließlich schlug mutmaßlich eine historische Stunde für den deutschen Automobilrennsport.
Trips, der Protagonist aus deutscher Sicht, benötigte nach Siegen bei den Grands Prix in Zandvoort und Aintree und weiteren Podestplätzen nur noch einen dritten oder vierten Platz, und der Gentleman aus dem Rheinischen wäre vorzeitig und als erster Deutscher Formel-1-Weltmeister geworden. Nun war er also ausgeschieden. Kein Drama, suggerierte die Stimme im Radio, es stand ja noch ein Rennen aus. Trips würde dennoch den Titel gewinnen.
Anfänglich hieß es tatsächlich, alle beteiligten Fahrer seien unverletzt. Dann, nach vielen diffusen Mitteilungen der Rennleitung, stand die bedrückende Nachricht fest. „Was ich mit Angst und Sorge befürchtete“, sagte Radioreporter Günter Jendrich, „ist nun eben zur Wahrheit geworden. Unser Wolfgang Berghe von Trips ist in der Südkurve tödlich verunglückt.“
Erst viel später war die Tragödie, die sich vor der Parabolica-Kurve ereignet hatte, in allen Einzelheiten zu rekonstruieren: Im Anschluss an eine Kollision mit dem Boliden von Jim Clark war der feuerrote Ferrari des Grafen ausgebrochen und über einen Rasenstreifen auf der Böschung eines Walls gegen eine Metallgittereinzäunung geprallt – hinter der Zuschauer standen, von denen 15 den Tod fanden.
Medial vermittelt wurde diese schwarze Stunde des deutschen Sports auch im kleinen Ort Horrem. Dort hatte der 1928 geborene Rennfahrer sein Leben verbracht, dort beherbergte die „Villa Trips“ von 2000 bis 2017 ein kleines, aber feines Museum über den Pionier des deutschen Rennsports. Ein Radio Marke „Grundig“ brachte dem Gast die historische Reportage akustisch näher.
Geboren wurde Wolfgang Alexander Albert Eduard Maximilian Reichsgraf Berghe von Trips am 4. Mai 1928 in Köln, als letzter Nachkomme des männlichen Zweigs eines alten niederrheinischen Adelsgeschlechts. Bis 1932 wuchs er in Bonn auf. Dann bezog die Familie, im Wege der Erbfolge, ein Gebäude mit 45 Zimmern: die Burg Hemmersbach in Horrem, den Stammsitz der Familie rund 20 Kilometer südwestlich von Köln.
Der schulische Ehrgeiz des Grafen hielt sich Berichten zufolge in Grenzen: Er besuchte die Waldorfschule Benefeld in der Lüneburger Heide. Um einen Einsatz an der Front war der junge Graf nach einem physischen Kollaps herumgekommen.
Seine große Leidenschaft für motorisierte Gefährte aber schimmerte früh durch. Angeblich steuerte er schon als Achtjähriger einen Sechszylinder über den Burghof. Dabei kam es auch zu Blechschäden, denen in seiner späteren Karriere viele folgten, weshalb einer seiner Spitznamen „Count Crash“ hieß. Das große Erweckungserlebnis des Jungen war wohl der Große Preis von Deutschland am 26. Juli 1936, den er mit seinen Eltern und weiteren 350.000 Fans am nahen Nürburgring erlebte und bei dem er den damaligen Heroen Caracciola, von Brauchitsch, Stuck und Rosemeyer zusah.
Wie tief die Zäsur der deutschen Niederlage 1945 für den Teenager von Trips war, davon erzählt ein Tagebucheintrag aus dem Oktober 1947, in dem er Siegesfeiern der Briten in einem Kinofilm beklagte. Der Film habe ihn, schrieb er, „in eine Zeit versetzt, als wir (wenigstens von meinem Standpunkt aus gesehen) ein Volk waren, das zusammenhielt, ehrlich war und kämpfte, ich als Junge mit Begeisterung an allem hing und stolz war, wenn unsere Flieger kamen, in allem nichts Schlechtes sah.“
Nun sei alles aus. „Nie, nie wieder werden wir Waffen tragen, Soldaten haben.“ Nie wieder, glaubte der junge Graf, werde er sich wieder für etwas begeistern können. „Ich weiß heute, und sehe es auch vollkommen ein, dass manches, was früher mein höchstes Ideal war, tatsächlich nicht ganz richtig war. Aber ich trauere dem allen doch nach, weil es nicht wiederkommt und es auch keinen Ersatz dafür gibt.“
Zugleich begeisterte er sich im Tagebuch auch über die Abende, die der Vater eines englischen Schulfreundes gab. „Wir haben diskutiert über Kunst, über Frauenrecht, über Kommunismus, über Pädagogik, über Staatsformen, Kolonialismus und all diese Themen, die das Geschehen der Zeit berührten oder zum Inhalt hatten“, schrieb Trips. Das „große Erlebnis“ dabei sei, dass man keine Parolen wie bei den Nationalsozialisten eingebläut bekommen habe, sondern jeder sich selbst eine Meinung habe bilden können.
Nun, seine Begeisterung für den Motorsport entfachte schnell wieder. Parallel zu seiner Ausbildung bis hin zum Diplom-Landwirt 1954 – dem folgte noch ein Volontariat bei der Privatbank H. Aufhäuser in München – startete er seine große Karriere 1950 zunächst auf dem Motorrad. 1954 wechselte er dann zum Automobilsport und erwarb einen gebrauchten Porsche 356 1.3 Liter, mit dem er unter dem Pseudonym „Axel Linther“ an Rennen teilnahm, da insbesondere seine Mutter für sein Hobby wenig übrighatte – und dies auch nicht finanzierte.
Schnell errang der junge und verwegene Graf die ersten Siege, er wurde 1954 beispielsweise Deutscher Meister in der Klasse der Seriensport- und GT Wagen bis 1600 ccm. Es folgten beachtliche Platzierungen bei internationalen Langstreckenrennen. Daraufhin wurde auch Enzo Ferrari auf den jungen Deutschen aufmerksam und verpflichtete ihn am 10. September 1956 für die restlichen Rennen der Saison sowie für die Jahre 1957 und 1958 für sein Team – der endgültige Durchbruch.
Als „Junge von echter Noblesse und großzügigem Wesen“ charakterisierte der legendäre „Commendatore“ den Grafen nach dessen tragischem Tod. „Ein unglaublich schneller und schneidiger Fahrer, der mit Kühnheit alle Wagnisse nahm, ohne je das leicht melancholische Lächeln zu verlieren, das sich stets auf seinem sehr feinen und edlen Gesicht spiegelte.“ Die riskante Fahrweise des Rheinländers mündete jedoch in nicht wenige Kollisionen. In Folge von vier Unfällen – Nürburgring 1957, Argentinien 1958, Schauinsland 1958 und Monza 1958 – plante Enzo Ferrari für die nachfolgende Saison (1959) ohne den deutschen Grafen. Seinen Job als Ferrari-Vertragsfahrer war Trips damit wieder los.
Es folgten Höhen und Tiefen in der Karriere des Rennfahrers Trips. Im Milieu des internationalen Motorsports machte er mit seinem zurückhaltenden und doch gewinnenden Wesen dennoch großen Eindruck. „Die Freude am Fahren, die Fairness und die Kameradschaft waren für ihn wohl wichtiger als alle Siege“, blickte der US-Amerikaner Phil Hill, sein Ferrari-Kollege, in seinem Nekrolog zurück. Keine hohle Phrase, schließlich hatte das Fair Play des Grafen schon zu Lebzeiten einen legendären Ruf.
Als herausragendes Beispiel für die edle Haltung des Grafen diente insbesondere die Geschichte von der Mille Miglia, dem mythischen Langstreckenrennen aus dem Jahr 1957. Dort war Trips aussichtsreich an zweiter Stelle liegend, dem Führenden Piero Taruffi rund 200 Kilometer hinterhergefahren, weil der wegen eines Schadens an der Hinterachse einen Wettbewerbsnachteil besaß.
Im Jahr 1961 steuerte der schnelle Graf scheinbar unaufhaltsam zum Titel in der Königsklasse, der Formel 1. Sein Ferrari Typ Dino 156 F1, der wegen seiner markanten Schnauze auch als „Haifisch-Maul“ bezeichnet wurde, war der Konkurrenz technisch überlegen, so dass allein der Markengefährte Phil Hill und der Engländer Stirling Moss dem Deutschen noch den Titel streitig machen konnten. Wie sehr die Triumphe des Grafen die deutschen Motorsportfans in diesem Jahr in den Bann zogen, demonstrierten die 300.000 Zuschauer am Nürburgring.
Umso tiefer geriet der Schock über den jähen Tod des Helden. Auch in seiner Heimat war die Trauer groß. Zehntausend Menschen sollen die Strecke gesäumt haben, als sein Mechaniker Gert Gentsch das grüne Ferrari Cabriolet mit dem Sarg des Grafen durch Horrem zur Familiengruft an der Kirche St. Clemens fuhr.
Monza und die Popularität des Grafen mag mit den Jahren verblasst sein. Was aber blieb, waren die Früchte einer weitsichtigen Jugendarbeit. Denn der Graf erwarb Anfang 1960 in Los Angeles (USA) ein Gokart und brachte es mit nach Deutschland. Er befasste sich mit Plänen, auf gräflichem Gelände den Bau einer Karts-Strecke zu realisieren.
Seit Mitte der 1960er Jahren drehten dort, in Horrem, Jugendliche begeistert ihre Runden. Einer der jungen Gokart-Fahrer in den 1970er Jahren hieß Michael Schumacher, 1994 der erste deutsche Weltmeister in der Formel 1. Aber auch Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen fuhren auf der 1980 neu eröffneten Kart-Anlage in Kerpen-Manheim, so wie viele weitere rheinische Teenager, deren Blut auf diesem Kurs von Benzin getränkt wurde. Sie gehören alle zum nachhaltigen Erbe des viel zu früh gestorbenen Grafen.
Erik Eggers, im März 2026
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Literatur:
Jörg-Thomas Födisch/Jürgen Schneider, Wolfgang Graf Berghe von Trips. Erinnerungen, 2. Aufl., Linz 2024.
Richard von Frankenberg, Wolfgang Graf Berghe von Trips, Stuttgart 1969.
Hermann Harster, Das Rennen ist nie zu Ende. Die Geschichte des Grafen Berghe von Trips, Berlin/Frankfurt a.M./Wien 1962.
Andreas Höfer, „Wolfgang Graf Berghe von Trips. Eine Lichtgestalt des deutschen Sports? Eine biografische Skizze", in: Geschichte im Westen. Zeitschrift für Landes- und Zeitgeschichte 39(2024), S. 95 – 117.
Reinold Louis, Wolfgang Graf Berghe von Trips. Biographie, Köln 1989.